Was ich kann

Ich kann atmen, 24 Stunden am Tag, und Musik hören kann ich auch genau so lang. Ich kann mir schon ziemlich lange die Schuhe zubinden, muss es aber nicht oft, weil ich sie gar nicht erst aufmache. Ich kann Mädchen sein und mich schminken, tu ich trotzdem nicht oft. Ich weiß um die Bedeutung des Wortes olfaktorisch, Parfum mag ich aber nur selten. Ich kann stunden-, ja tagelang über einen Witz lachen, kann ihn aber nicht wiedergeben.
Ich kann mir richtig doll wehtun, aber mir Gutes tun fällt mir sehr schwer. Ich kann singen, aber Noten kann ich höchstens entziffern. Ich kann kochen, mach ich aber nicht. Und Sport kann ich nur im theoretischen.
Ich kann mich ereifern und gut diskutieren und mir eine Meinung bilden. Dafür kann ich zwar Kritik annehmen, aber nicht mit ihr umgehen. Ich kann trauern, aber nur schlecht Wut empfinden. Ich bin dazu in der Lage zu entsprechen, aber nicht meinem Bild von mir.
Ich kann streichen, aber nicht tapezieren, dafür aber fachsimpeln und mein Halbwissen bekannt geben. Ich kann reden um des Redens willen und den Genitiv richtig anwenden, aber ich hab’s nicht mit der Zusammen- und Getrenntschreibung.
Ich kann analog nicht so schnell schreiben wie ich tippen kann. Aber dafür schön. Ich kann schweigen und mich in mir vergraben. Lesen kann ich auch. Schnell und viel und gerne, aber wenn ein Fernseher läuft, kann ich ihn nicht ignorieren.
Ich kann witzig sein und verdammt gute schlechte Witze reißen. Ich kann Vorurteile gut nicht erfüllen. Ich kann hungern und essen, bis mein Magen reißt, finde aber nicht, dass man darauf stolz sein kann.
Ich kann vieles schön finden, aber selten Klamotten. Ich kann kuscheln und Nähe nicht ertragen. Ich kann mich nicht gut von Sachen trennen und sie anschaffen kann ich auch nicht gut. Ich kann intolerant sein, leugne es aber, dafür kann ich meine Ambivalenz vor mir her tragen wie einen Schild.
Ich kann Horrorfilme nicht allein sehen und muss immer die Fehler, die ich in Filmen sehe, kundgeben. Ich kann ordentlich sein, bin aber meist zu faul dazu. Ich kann schweigen wie ein Grab und unauffällig sein. Ich kann fluchen ohne rot zu werden und mich gepflegt ausdrücken.
Am liebsten würde ich zufrieden sein können, gestehe es mir aber nicht zu. Ich kann laufen, mache es aber nicht. Ich kann auf meinen Standpunkt beharren aus Trotz, das kann ich sogar besonders gut.
Ich kann stricken, häkeln kann ich aber nicht. Ich kann nicht zeichnen, jedenfalls nicht besonders gut, für die Schule hat’s aber gereicht.
Ich glaube, ich kann nichts so gut, wie Schülerin sein.
Ich kann mich nicht entscheiden, hasse es aber, wenn andere es auch nicht können. Manchmal kann ich kettenrauchen, manchmal mag ich das aber nicht. Ich kann Rassismus nicht ab, bestimmt auch, weil ich selbst ständig darunter leide.
Ich kann Komplimente nicht annehmen, aber gut organisieren, was in keinem Zusammenhang steht. Außerdem kann ich Joints drehen, verweigere es aber.
Ich kann mir Zahlen merken und Gesichter, Namen aber nicht so gut. Ich kann vergeben, aber nicht vergessen, verdrängen dafür aber nachhaltig. [...]

Idee geklaut von Spreeblick
30.12.06 22:22
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Rari / Website (31.12.06 01:48)
Liebes...
Ich unterschreibe Dir vieles, ohne Einschränkung, und ich widerspreche Dir, in vielem... und trotzdem fühl ich mich mit Dir verbunden.


katha / Website (31.12.06 13:09)
Schoener Artikel.. Kann mich gut reinfuehlen, kommt mir einiges sehr, sehr bekannt vor.

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